Serie: Beste Soul-Alben

Tyrone Davis:
Can I Change My Mind (Dakar)

"Tyrone, warum bettelst Du immer die Frauen an?" fragte Komiker Manuel Arrington bei gemeinsamen Auftritten in Chicago. Und tatsächlich, in den meisten Songs kniet Tyrone Davis bildlich vor der Dame seines Herzens. Und dabei bittet er nicht um ein Heiratsversprechen sondern um Verzeihung.
Sein erster Hit und Titelsong des Albumdebüts "Can I Change My Mind" handelt davon, dass er eigentlich seine Geliebte zum Einlenken bringen will. Demonstrativ packt er dafür seine Tasche und hofft, dass Sie ihn abhält und alles wieder gut wird - wie soviele Male zuvor. Aber diesmal passiert nichts dergleichen. .. Auf dem Albumcover steht er dann auch mit seinen Sachen vor dem Haus und schaut zurück hinauf auf ihr Fenster. Nun ist er es, der verliert. Er möchte einlenken und fleht: "Baby, Can I Change My Mind?".
Als Tyrone Davis diesen Song aufnimmt, hat er bereits erste Erfahrungen als Sänger. Geboren am 4 Mai 1938 in Greenville, Mississippi, landet er mit zwanzig in Chicago. Dort lernt er den Bluesmusiker Freddy King kennen und tourt mit ihm. Zurück in Chicago arbeitet er hauptberuflich in einer Stahlküche zusammen mit Otis Clay. Nebenbei tritt er in Clubs auf und lernt dabei den Sänger Harold Burrage kennen, der ihn zur Firma Four Brothers bringt. Dort veröffentlicht Tyrone 3 Singles, die sehr an sein Idol Bobby Bland ("Shoes") erinnern. Nach dem Ende des Labels 1967 nimmt er im gleichen Jahr noch eine Single für die Labels Sack und ABC auf - ohne nennenswerten Erfolg. Als zweite Single auf ABC sollte "Can I Change My Mind/A Woman Needs To Be Loved" veröffentlicht werden.
Doch Davis wollte lieber zu einer Firma, die in Chicago ansässig war und ging mit den Aufnahmen zu Carl Davis (nicht verwandt). Dieser avancierte gerade - nach seinen Erfolgen bei Okeh - zum Chef von Brunswick. Nebenbei gründete er das eigene Dakar-Label, das zunächst von Atlantic vertrieben wurde. Und auf diesem Label wurden beide Songs noch einmal eingespielt. Dass Carl Davis damals den "Midas Touch" hatte, wird deutlich beim Vergleich der ABC-Demoversion (1973 als "Goldies 45" "wieder"-veröffentlicht) mit der Dakar-Einspielung. Denn erst bei der zweiten Version kann die Komposition wirken: Auf der Debütproduktion von Willie Henderson spielen die Intrumente mit- statt nebeneinander und Tyrone singt im Vordergrund. Auch diesmal kam der Erfolg nicht sofort. Clive Davis beharrte darauf, "A Woman Needs To Be Loved" auf die A-Seite zu bringen, einen langsam Blues. Doch schließlich drehte ein DJ in Houston die Platte um - und der Rest ist Geschichte. Die Single wurde Platz 1 in den R&B-Charts und Nr. 5 Pop.
Das war der Start für eine zehnjährige Reihe von Top Twenty Hits - ohne je den wirklichen Crossover zu schaffen, wie es z.B. Al Green scheinbar spielerisch erreichte. Robert Pruter folgert in seinem Buch "Sweet Soul Music", dass vorallem die Texte - die fast immer von Ärger, Schmerz und Verrat handelten - nicht in die weisse Popwelt der 60er und frühen 70er passten.
Nach dem Hit folgte das gleichnamige Debüt-Album, in dessen Liner-Notes er weiterhin als Blues-Sänger bezeichnet wird. Und - verglichen mit den samtenen Produktionen von Johnny Pate oder den Songs von Curtis Mayfield - war der Sound von Tyrone immer etwas rauher und grittier. Coverversionen von "Knock On Wood" (hier als Ballade!) und "Let The Good Times Roll" betonen den Unterschied noch. Doch gerade sein Bitten und Betteln macht ihn zu einem der ganz Großen des Soul.
Wie erfolgreich "Can I Change My Mind" wirklich war, kann man an der Reihe von Cover-Versionen ablesen. Neben Chuck Jackson (Motown), Gene Chandler (Brunswick), Loletta Holloway und Eddie Floyd (Stax) gibt es eine Fülle von Reggae-Aufnahmen, die besten wohl vom Geschwisterpaar Hortense und Alton Ellis - zwei Versionen jeweils mit vertauschten Rollen. Auf ATCO spielte Joyce Jones die eher primitive Antwortversion "Help Me Make Up My Mind" ein. Tyrone selbst schrieb die Geschichte ebenfalls fort. Seine Nachfolgesingle sollte eigentlich "Somebodyïs Changing (My Sweet Babyïs Mind)" heißen. Aber er lehnte den Song ab und so wurde die Single von Johnny Sayles aufgenommen und auf Dakar veröffentlicht. Der war allerdings damit nicht erfolgreich - wahrscheinlich auch, weil Little Milton Campbell eine zweite Version -arrangiert von Donny Hathaway! - auf Chess gleichzeitig in die Läden brachte.
Doch auch Tyroneïs Folgeplatten nahmen den Faden der Geschichte oder zumindest die Stimmung wieder auf: "Let Me Back In", "Could I Forget You", "Come And Get This Ring". Höhepunkt dieser Entwicklung war "I Had It All The Time": Als Intro erklingt das Outro von "Is It Something Youïve Got". Vielleicht war er wirklich der erste, der seine Karriere so konsequent um eine Idee und deren Variation aufgebaut hat - auf jeden Fall war er einer der besten. Mitte der Siebziger wechselte der Sänger mit seinem Produzenten Leo Graham zu Columbia und veröffentlichte den Klassiker "In the Mood", der heute regelmäßig im Hip Hop wiederverwendet wird. Noch heute spielt Tyrone Davis neue Alben auf dem eher glücklosen Ichiban-Label ein.

Artikel erschien im Spellbound-Fanzine 1999 - Update Mai 2000                                        back to Magazine