40 Jahre
Isley Brothers
2nd Update: 19.05.2000
Vielleicht
ist es ein Zeichen von Rassismus, dass Werte wie Durchsetzungsvermögen,
Überlebenswille und Qualität nur weißen Rockbands zugestanden
wird. Vielleicht ist es aber auch nur Dummheit. Dabei wird kein Radiohörer,
Clubgeher oder US-Urlauber an den Rhythmen und Phrasierungen des Familien-unternehmens
vorbeikommen.
Die Isleys könnten
den kleinsten gemeinsamen Nenner "schwarzer" Musik bilden, wenn sie nicht
so deep wären. Obwohl sie immer fremde Einflüsse verarbeiteten wie
Folk, Rock, Country u.a. , wenn z.T. auch nur aus kommerziellen Erwägungen,
blieb der Stil unverkennbar eigen: abwechslungsreicher melodischer Soul mit
Stimmen, die einem wie Freunde unter die Arme greifen und wieder aufrichten.
Seit geraumer Zeit haben
das auch die neuen amerikanischen Hip Hop- und Soul-Produzenten entdeckt.
Ob nun gestanden Veteranen wie Jimmy Jam und Terry Lewis, der Shooting Star
Sean "Puffy" Combs oder Dr.Dre. Ohne die Ideen der Isleys hatten die oben
genannten sicher vier, fünf weniger Sportwagen in der
Garage. Aber von Anfang an.....
Es waren einmal vier Brüder
Isley: Rudolph, Ronald, OïKelly und Vernon. Zusammen mit Ihrer Mutter Sally
Bernice am Piano traten sie rund um Cincinnatti als Gospel-Quintett auf -
Mitte der Fünfziger! Zu dieser Zeit bot Gospel die einzige Möglichkeit,
dem alltäglichen Kampf und Rassismus zu entfliehen. Oder in den Worten
der Ward Sisters: "For People who work hard and make little money, if offers
a promise that things will be better in the life to come". Oder später
im imaginären "Himmel". Doch mittlerweile experimentierten Ray Charles,
Jackie Wilson und andere bereits an der Umsetzung der religiösen Ekstase
in weltliche Gefilde. Tauschte man "Lord" und "Jesus" gegen "Baby" und "Girl",
hatte man ein mitreißenden Love-Song. Die drei Isleys - Vernon starb
bei einem Autounfall - zogen 1957 nach New York und veröffentlichten
ihre erste Single "The Cow jumped over the Moon/An Angel cried" auf dem winzigen
Teenage-Label. Schnell erlangten sie Aufmerksamkeit durch ihre Live-Auftritte,
doch auch als sie sich nach Doowop an RockïnïRoll versuchten, blieb der Erfolg
aus.
1959 wechselten sie zu
RCA und wurden dort von den A&R-Managern Hugo & Luigi betreut, die 15 Jahre
später auch The Stylistics und Van McCoy zum Erfolg führten. Die
beiden waren vom Live-Finale der Isleys begeistert - eine Improvisation von
Jackie Wilson's "Lonely Teardrops". Daraus entstand "Shout", der erste Hit
- und was für einer: 1 Million verkaufte Exemplare. Nach einem kurzen
Engagement bei Atlantic wechselten Sie zu Wand und hatten so drei Jahre später
wieder einen Hit: "Twist & Shout", der bald auch von 4 Liverpooler Jungs gecovert
wurde. Bald ging es weiter: neues Label (United Artists), neuer Hit - diesmal:
"Surf & Shout". Und das war genau das, was dieser Titel versprach. Die Musik
ihres letzten Hits mit dem Text von "Surf City" des Duos Jan & Dean. Von dieser
Sorte nahmen die Isleys weitere Tracks auf - immer mit Bezug zu aktuellen
Modetänzen wie Twist oder Monkey. 1963 erschien dann eine Mixtur aus
Soul und Bossa Nova: "Who's that Lady", die 1973 als "That Lady" doch noch
Geld einspielen sollte. Aber Gemach, Gemach.....
Als nächstes gründeten
die drei ein eigenes Label, T-Neck, und veröffentlichten die Single "Testify"
bevor sie wieder zu Atlantic wechselten. Zu dieser Zeit spielte ein gewisser
Jimi Hendrix in ihrer Backing-Band (auch auf dem Album "In the Beginning",
das 1964 aufgenommen aber erst 1969 veröffentlicht wurde), der zwei Jahre
später ganz andere Töne anschlagen sollte.
Nach einem kurzen Abstecher
bei Veep/United Artists lud Berry Gordy sie ein, bei den Motown Revues aufzutreten.
Die erste Single auf Motown "This old heart of mine" brachte endlich den Durchbruch.
1968 stiegen sie bei Motown wieder aus. Ronald, der charakteristische Tenor
der Gruppe, zu dieser Zeit: "Wir haben bei Motown eine Menge gelernt. Wie
man produziert, arrangiert und besser komponiert. Doch selbst haben wir dort
keine Songs mehr geschrieben - die hatten soviele geniale Kräfte, warum
sollten wir uns mit denen messen? Motown war auch eine Schule, was das Business
angeht. Die wissen alles. Jetzt wollen wir das Gelernte für uns umsetzen."
Der Erfolg von Jimi, Sly
und James inspirierte sie. Sie revitalisierten das T-Neck-Label und holten
ihre jüngeren Brüder Marvin am Bass und Ernie an der Gitarre sowie
den Schwiegersohn Chris Jasper an den Keyboards hinzu. O'Kelly zum eigenen
Label: "Bisher mußten wir uns nach dem richten, was gerade lief. Jetzt
können wir machen, was wir wollen. Gospel, Country & Western oder Rock,
wie es uns eben paßt. Jetzt können wir auch das tun, was andere
für unmöglich halten. Das gilt sogar für Text, die man schreibt.
Wenn ein ganz bestimmtes Stück zum Hit wird, und wenn man nicht alles
unter Kontrolle hat, dann ertappt man sich plötzlich dabei, dass man
immer wieder dasselbe schreibt. Jetzt schreiben wir über die heutige
Zeit. Wir wollen, dass die Leute kapieren, was los ist."
Mit einem Vertrieb über
Buddah, gelang ihnen mit "It's your thing" vielleicht der Funk-Klassiker.
Doch neben den knackigen Jams hatten sie auch weiterhin Balladen im Programm.
Und besonders hier führten sie die Gospel-Roots mit den gelernten Techniken
ihrer früheren Produzenten zusammen. Dafür nutzten sie oft auch
Songs anderer Autoren. Zum Beispiel von Carol King, deren "Work to do" mittlerweile
in jedem Soul-Club Europas zum Standard gehört. Auf der dazugehörigen
Lp "Brother, Brother, Brother" bearbeiteten sie außerdem "Sweet Seasons"
und "It's too late" von derselben Autorin. Gerade letzterer Song, der eher
als East-Coast-Radio-Futter bekannt ist, wird hier zu einem Mini-Epos - ähnlich
wie Isaac Hayes zur gleichen Zeit mit
Standards wie "Walk on by" oder "The Look of Love" umsprang. Auf dem Album
"Givin it Back" interpretierten sie ausschließlich Rock-Songs (von Neil
Young, Stephen Stills, Bob Dylan) - auch als Reaktion auf die weißen
Hippies, die sich zunehmend Soul- und Funk-Jams "ausliehen" und damit abräumten.
Außer den vier eigenen Lp's (plus den älteren Aufnahmen mit Hendrix
sowie einem Live-Album) veröffentlichten die Isleys bei Buddha auch andere
Interpreten: Brothers 3, Judy White, Privilege und Organ-Maniac Dave Cortez,
von dem es auch eine "...plays the Isley Brothers"-Platte gibt.
Mittlerweile waren sie
so erfolgreich, dass sie einen größeren Major für den Vertrieb
gewinnen konnten. ºber Epic erschien "That Lady", die neue Version der Single
von 1963. Auf dem Cover des gleichnamigen Albums wurden zum ersten Mal die
Gesicherter und Namen der drei jüngeren Brüder und Instrumentalisten
abgebildet. Mit ihrer Version des Seals & Croft-Songs "Summer Breeze" hatten
sie eine weitere unschlagbare Ballade im Programm. Die härteren Funk-Anthems
waren zwar noch vorhanden - z.B. "Live it up" oder "Fight the Power" - das
als Inspiration (aber nicht als Sampling-Quelle) für Public Enemys gleichnamigen
Beitrag zu Spike Lees "Do the Right Thing" diente - aber längst nicht
mehr so wichtig.
Viel wichtiger wurde auf
einmal das Styling. Bisher hatten Sie alle Formen der jeweiligen Mode mitgespielt.
Von Anzügen über Samtjacken bis Jeans und Leder. Doch mit dem größeren
Budgets des Majors konnten sie jetzt nicht nur mit ihrer Musik Zeichen setzen.
Seitdem präsentieren die Isleys auf jedem Album neue textile Scheußlichkeiten:
Lederstiefel mit Riesenstulpen, Glitterwesten, Cowboyhüte, Kaschmirtücher
und hellblaue Lederanzüge. Doch der Qualität ihrer Songs trug das
nicht ab. Bis zum 83er Album "Between the Sheets" (die Fortsetzung von "Sexual
Healing") gab es mindestens einen Klassiker auf jedem Album. Die meisten geschrieben
von Ernie und Chris, denn obwohl alle Mitglieder als Songwriter auftreten,
trugen sie nur selten etwas zu den Kompositionen bei.
Dann auf einmal Funkstille.
In dieser Zeit starb O'Kelly Isley und die jüngeren veröffentlichten
ein eigenes Album, das mit "Harvest for the World" da weitermachte, wo die
älteren aufzuhören schienen. Der Split schien nicht gerade harmonisch
zu sein: "Ich denke die anderen Jungs haben uns nicht mehr ins Auge geblickt.
Wir haben seit einem Jahr nicht miteinander gesprochen, da sie sehr "unglücklich"
darüber waren, dass wir etwas eigenes machen wollen", so Chris Jasper
zur Trennung. Er und Ernie Isley veröffentlichten zusätzlich noch
ein Solo-Album bevor Ronald wieder zur Reformation rief. Doch es kamen nur
Ernie und Marvin um bei Warner das Album "Tracks of Life" einzuspielen.
Rudolph widmete sich mittlerweile der Religion. Auch die lauten Klamotten
waren Vergangenheit. Die drei kamen in schwarz mit buntem Jackett. Als Mitglied
im Hintergrund stieß Angela Winbush hinzu, die zuvor als Hälfte
von Rene & Angela recht erfolgreich in Amerika war und mit Ronald verheirat
war. Das Ergebnis konnte weder Käufer noch Plattenfirma begeistern.
Auf Elektra wurde Ende
1993 ein Live-Album aus dem Strand Theatre in Redondo Beach California veröffentlicht,
auf dem die Klassiker von 30 Jahren Isleys zusammengefaßt wurden. Jetzt
sind sie richtig wieder da: Mit Tracks auf den Soundtracks zu den Ice Cube-Film
"Friday" und "Friday" sowie der G-Rap-Parodie "Don't be a Menace".
Danach ein neuer Plattenvertrag und das Album: "Mission To Please".
Gleichzeitig produziert Ronald Isley die Sängerin Kelly Price aus dem
R.Kelly-Umfeld. Und jener hat mit "Down Low" auch eine Homage an
die Isleys geschrieben - inklusive Gast-Auftritten von Ernie und Ron beim
Song und letzterem auch im Video.
Nachtrag April 2000: Der weisse
Schmalzsänger Michael Bolton will die Rechte an allen Isley Brother-Songs
kaufen, da Ronald Isley seine Steuerschulden bezahlen muß. Was zunächst
als Freundschaftsdienst aussieht, ist tatsächlich das genaue Gegenteil:
Bolten - der gern grottenschlechte Versionen von Soulklassikern - z.B. von
Otis Redding - veröffentlicht, wurde 1994 dazu verurteilt, insgesamt
5,4 Millionen $ an die Isley Brothers zu zahlen. Seine Hitsingle "Love
Is a Wonderful Thing" basierte auf einem Isley Brothers-Song von 1966.
Bolton erwirkte sofort einen Einspruch, über den noch nicht entschieden
wurde.
Diese 5 Millionen könnten die Steuerschuld von Ron Isley fast tilgen,
aber anstatt zu zahlen, will Bolton die Rechte an diesen Songs - er würde
damit das Urteil von vor 6 Jahren aufheben. Das Angebot von Bolton liegt über
dem Gebot aus dem Umfeld der Isleys.
Nachtrag Mai 2000: Wie die Fachzeitschrift Billboard diese Woche (Mitte Mai) berichtet, bestätigte jetzt der Bundesgerichtshof in LA das Urteil von 1994 gegen Michael Bolten. Das bedeutet, dass Ronald und Marvin Isley 66% der bisherigen und kÄnftigen Tantiemen von Boltons Single "Love is a wonderful place" und 26% der Tantiemen des dazugehörigen Albums "Time, Love and Tenderness" erhalten. Die Single erreichte im Juni 1991 Platz 4 der US-Charts und das Album war Ende Mai desselben Jahres Nummer eins mit insgesamt 6,7 Millionen verkauften Exemplaren. Hallelujah - es gibt doch noch Gerechtigkeit.
Dieser Artikel erschien in Style & The Family Tune 1997 - updated: Mai 2000 back to Magazine