2-Step - Speed - Garage - What the F*ck is Going on?

<Lesen und Hören: 9.4.2000 Live im Funky Pussy Club - Real Audio>

Vor drei Jahren in der Lucky Strike-Bar wurde uns der gaaanz heiße Scheiß versprochen: "Speed Garage". Es ging um die Weiterentwicklung von Drum'n'Bass, teuere Champagner-Abende im Londoner "Twice As Nice", um Goldkettchen, Luxus, Flashy Cars, usw. Während Mousse T auflegte, wurden Promo CDs verteilt. Das alles, um die Peppermint-Compilation: "Speed Garage Vol.1" zu vermarkten.
Lizensiert vom britischen Fifty-First-Label, gab es hier durchaus Highlights zu entdecken: Ty Holdens "Do What You Wanna Do" (Dub Monsters Remix), Xaviers "Tumblin' Down" oder Tuff Jams "Let Me Tell You" konnten überzeugen - wenn jemand zuhörte. Allerdings ist genau das nicht passiert. Zu übertrieben und verkrampft war der Hype um "das neue Ding aus England".
Auch in Britain selbst war die Begeisterung auf einige Clubs in London beschränkt. Zwar tauchten Namen wie "Dreem Teem", "Tuff Jam", "R.I.P" usw. bei Remixen und Läden wie "Pure Groove Records" stellten "Locked On - Sound of The Underground"-Compilations zusammen, aber sonderlich erfolgreich war dass nicht.
Die überschaubare Szene werkelte weiter vor sich hin, bis im Sommer "Sweet Like Chocolate" von Shanks and Bigfoot als Vorbote kam und Ende letzten Jahres das Duo "Artful Dodger" mit "Re-Rewind" die britischen Charts in den Griff nahm. Gestoppt nur durch die Weihnachtssingle von Sir Cliff Richard, überraschte diese Single durch...einfach alles: eine richtige Melodie mit mehr als 4-Takten, treibende Beats und Sounds sowie einen Sänger, der singen kann. Auch die Nachfolge-Single: "Movin Too Fast" erreichte No. 2, bevor die Produktion für das Solo-Debüt der Stimme von "Re-Rewind", Craig David, direkt auf die Pole Position sprang - dicht gefolgt vom Dodger-Remix für Sisqo und weiteren Two-Step-Hits von Sweet Female Attitude und MJ Cole.
Gab es doch neue Musik für das neue Jahrtausend? Zu oft reihten sich in den Jahren zuvor Cover-Versionen aneinander. Entweder wurde der Remix mit einem bekannten Disco-Sample versetzt - z.B. Beverly Knights "Made it Back" oder die Herren Puff Daddy, Will Smith und Wycleff nahmen gleich komplette Songs als Geisel. Doch der aktuelle Schein trügt: Die Artful Dodger-Hits schwirren schon seit zwei Jahren durch die einschlägigen Plattenläden, "Wunderkind" MJ Cole darf bei seinem neuen Label "Talkin' Loud" alles remixen, was sich sonst nur schwer verkauft - Urban Species, Incognito etc. und auch die 80er Jahre Vorzeige-Brit-Souler "Soul II Soul" veröffentlichen seit einem Jahr beinahe monatlich neue Arrangements ihrer alten Hits.

Warum ist 2-Step so toll?

Vielleicht, weil es endlich wieder neuen britischen Soul gibt? Stehen die Briten doch seit jeher für Erneuerung und Experimentierfreude im Pop. Und so wie vor zehn Jahren der "Street Soul" mit eben Soul II Soul, Omar und Labels wie Boogie Back oder Conscious eine spannende Alternative zum oft viel zu glatten und klischeebeladenen US-Soul (sprich "R&B") war, so begeistert mich 2-Step durch die Kombination von echten Songs mit aktuellen Geräuschen.
Zusätzlich fließen in 2-Step auch jede Menge anderer Einflüsse - z.B. Reggae/Ragga, Drum'n'Bass (Simon Reynolds nennt 2-Step auch Lover's Jungle") und House ein - mit der Chance, dass die Abwechslung noch lange anhält. Hierzulande gibt es noch ganz andere Gründe dafür, dass der Ausverkauf nicht stattfinden kann - man kann die Songs kaum finden. So wurde Re-Rewind erst zehn Wochen später veröffentlicht und Craig David's Nummer Eins gibt es vier Wochen später immer noch nicht bei einer einheimischen Plattenfirma.
Zumindest in Hamburg ist allerdings der Hype längst im Gange. Neben der Tunes-Crew (checkt die Links) suchen auch erste Mainstream-DJs den Sound. Und wer am 6.5 das Set vom InfraCom-DJ vorm "Golden Pudel" gehört hat, weiss, dass auch Frankfurt dabei ist.